🌙 Overnight vs. Intraday

Wo entsteht die Aktien-RisikoprĂ€mie — ĂŒber Nacht oder im Handel?
SPY 1999–2026 · Show-Data, kein Trading-Signal

Verdikt: YELLOW — Show-Data

Das Stylized Fact ist stark bestĂ€tigt, aber nicht handelbar. Über 27 Jahre steckt praktisch die gesamte SPY-Rendite in der Nacht (Close→Open): +753 % overnight gegen +15,6 % intraday (Open→Close). Stabil in beiden Zeit-HĂ€lften. Aber: eine „Nur-Overnight"-Strategie handelt 2× pro Tag — bei 5 bps/Leg sind das ~25 % Kostendrag pro Jahr, der Edge ist weg. Cross-sectional ist der Effekt zwar breit (66 % der Index-Mitglieder, Point-in-Time gemessen), aber auf Equal-Weight-Portfolio-Ebene regimeabhĂ€ngig.

G1 PASS deskriptiv stabil (beide Subperioden) G2 FAIL nicht handelbar nach Kosten G3 (PIT) breit (66 % der Mitglieder), aber regimeabhÀngig

1 · Frage & Methode

Der Tagesreturn zerfĂ€llt sauber in zwei StĂŒcke: Overnight = adjCloset-1 → adjOpent und Intraday = adjOpent → adjCloset. Multiplikativ ergeben beide exakt den Total-Return — der Rekonstruktions-Check liegt bei max|Fehler| ≈ 2·10⁻Âč⁶.

Dividenden-Falle (zentral): Ex-Div-Tage erzeugen am Open einen kĂŒnstlichen Kurssprung nach unten. Mit auto_adjust=True passt yfinance alle OHLC konsistent an, sodass die Total-Return-Zerlegung den Dividenden-„Credit" korrekt dem Overnight-Bucket zuordnet (man hĂ€lt ĂŒber den Ex-Tag, um die Dividende zu kassieren). Ohne diese Korrektur wĂ€re der ganze Overnight-Effekt ein Dividenden-Artefakt.

2 · Die Zerlegung ĂŒber 27 Jahre

Kumulierte Wertentwicklung, Start = 100 (Monatsraster). Die Nacht trĂ€gt fast alles; der Handelstag ist ĂŒber lange Strecken sogar negativ.

Subperioden-StabilitÀt

PeriodeTage OvernightIntraday Totalon>id?

In H1 (1999–2012) war der reine Handelstag negativ (−41,8 %), wĂ€hrend die Nacht +159 % lieferte — das Muster ist nicht von einem einzelnen Regime getragen.

3 · Handelbar? Der Kosten-Killer

Brutto (ohne Kosten) schlĂ€gt „Overnight-only" sogar Buy&Hold beim Sharpe und beim Drawdown:

StrategieCAGR SharpeMaxDD
RealitĂ€t nach Friktion: „Overnight-only" und „Intraday-only" kaufen und verkaufen jeden Tag (2 Legs/Tag, ~500 Legs/Jahr). Schon bei 5 bps/Leg kippt der Sharpe von +0,76 auf −1,50. Die Overnight-PrĂ€mie existiert — sie lĂ€sst sich nur nicht ĂŒber tĂ€gliche Round-Trips ernten.
bps/Leg Overnight netto CAGROvernight netto Sharpe Intraday netto CAGRIntraday netto Sharpe B&H Sharpe

4 · Cross-Section: breit, aber regimeabhÀngig

Naiver Erstversuch: 5 handverlesene Namen

Ein erster Blick auf fĂŒnf bekannte Aktien legte nahe, der Effekt sei auf Growth/Tech beschrĂ€nkt — bei AAPL/MSFT dominiert die Nacht, bei JNJ/KO/XOM der Handelstag:

Das ist methodisch schwach: 5 per Hand gewĂ€hlte Überlebende sind kein Test — die Auswahl entscheidet das Ergebnis. Sauber braucht es die historische Index-Zusammensetzung (jede Aktie nur an den Tagen, an denen sie wirklich im S&P 500 war).

Robuster Test: Point-in-Time-Mitgliedschaft (S&P 500, 2010–2026)

Tagesgenaue Index-Mitgliedschaft aus öffentlichem Constituents-Dataset; 857 je gelistete Ticker, 662 (77 %) bei yfinance abrufbar. Coverage der Mitglieds-Slots: 85,7 % — die fehlenden 14,3 % (delistet/ĂŒbernommen) sind der ehrlich nicht eliminierbare Survivorship-Rest.

AuswertungOvernight Intradayon>id?
Befund: Bei 66 % aller Index-Mitglieder (616 getestete Aktien) dominiert die Nacht — der Effekt ist also breit, nicht auf Growth/Tech beschrĂ€nkt. Der 5-Namen-Eindruck war ein Selektions-Artefakt. Aber: das gleichgewichtete Portfolio ist regimeabhĂ€ngig — 2010–2018 lag intraday vorne, erst 2018–2026 overnight. Der strikte Pre-Reg-Gate (beide HĂ€lften und Mehrheit) ist daher FAIL. Reproduzierbar via overnight_intraday_g3_pit.py.

5 · SensitivitÀt: Ist das nur Dividende?

Naheliegende Reviewer-Frage: Die adjustierte Zerlegung (auto_adjust=True) ist eine Total-Return-Zerlegung und schreibt Ex-Div-KurssprĂŒnge dem Overnight-Bucket zu. Wie viel der Overnight-Dominanz ist also bloß Dividende? Gegenrechnung mit price-only-Kursen (Dividende komplett raus):

BucketAdjusted (Total-Return) Price-onlyDifferenz = Dividende
  • Methodik-Validierung: Intraday ist in beiden Varianten bit-identisch (Differenz 0,0 pp) — die Dividenden-Adjustierung berĂŒhrt den Same-Day-Quotienten Close/Open nicht. Der gesamte Dividendeneffekt landet ausschließlich ĂŒber Nacht (Ex-Div-Sprung zur Eröffnung). Starker interner Beleg, dass die Zerlegung sauber ist.
  • Split-Voraussetzung: Confound-frei nur, weil SPY nie gesplittet hat — hier ist der einzige Unterschied zwischen auto_adjust True/False die Dividende. Bei Split-Aktien mĂŒsste man split-bereinigte Rohpreise nutzen.
Reproduzierbar via overnight_intraday_sensitivity.py.

6 · Robustheit & finaler Abschluss

Auf Reviewer-Nachfrage (Grok, 2026-06-04) wurde der deskriptive Befund hĂ€rter geprĂŒft als nur ĂŒber den 1-fachen Median-Split — und der Handelbarkeits-Strang ein letztes Mal ĂŒber ein billigeres Instrument getestet.

Rolling-StabilitÀt statt Einzel-Split

Auf dem Tagesunterschied d_t = overnight − intraday (SPY, 6.895 Tage): Über alle gleitenden Fenster dominiert die Nacht in 89,5 % der 5-Jahres-Fenster (72,8 % der 3-Jahres-Fenster). Der Effekt ist also keine Artefakt eines einzelnen Split-Zeitpunkts.

Bootstrap-Konfidenzintervalle (Stationary Bootstrap)

GrĂ¶ĂŸePunkt 95%-KIp (2-seitig)
ann. Mittel d_t+6,7 % [−0,2 %, +13,4 %]0,059
Sharpe(on) − Sharpe(id)+0,65 [+0,10, +1,19]0,015
Ehrliche Nuance: Die risikoadjustierte Differenz (Sharpe) ist klar signifikant (p=0,015), das absolute mittlere Niveau aber nur grenzwertig (p=0,059, KI streift die 0). Robustheits-Check mit datengetriebener BlocklĂ€nge (Patton-Politis-White, 5,4 statt 21 Tage): Mittel-p 0,059→0,050, Sharpe-p bleibt 0,015 — die Schlussfolgerung ist stabil. Reproduzierbar via overnight_intraday_rolling_bootstrap.py.

Strukturbruch-Test (sup-Wald / QLR)

Quandt-Andrews-Test auf einen unbekannten Bruch im Mittel von d_t, kritische Werte per Block-Bootstrap (Autokorrelation korrekt im Null-Modell): Kandidat ist die Finanzkrise (2008-10, ann. d_t davor +17,4 %, danach +0,8 %) — der Bruch ist aber nicht signifikant (p≈0,20). Der scheinbare „Zerfall nach 2008" ist ökonomisch auffĂ€llig, statistisch jedoch nicht belegbar.

Letzter Handelbarkeits-Versuch: ES-Index-Futures (verworfen)

G0 FAIL — nicht testbar mit Gratis-Daten. Idee: ES-Futures haben ~20× niedrigere Round-Trip-Kosten als der SPY-ETF — könnte das den Kosten-Killer (G2) ĂŒberleben? Der Vorab-Datencheck scheitert eindeutig: yfinance-ES=F-Tagesbars decken die volle Globex-Session ab, nicht die Cash-Overnight-Strecke. Folge: ES=F-„Overnight" = −35,9 % vs Intraday +954,9 % (Korrelation zur SPY-Overnight nur +0,24). Freie Intraday-Bars reichen nur ~875 Tage zurĂŒck. Saubere Sessions brĂ€uchten bezahlte Daten — die Pre-Reg wurde diszipliniert verworfen, statt mit einer kaputten Approximation ein Scheinergebnis zu erzeugen. Reproduzierbar via overnight_es_futures_g0check.py, Pre-Reg unter preregs/overnight_es_futures_2026_06_04.md.

7 · Fazit

Eingereiht in den Friedhof falsifizierter Hypothesen: ein ehrliches Show-Data-StĂŒck. Die Zerlegung ist real und lehrreich, ein handelbarer Vorteil entsteht daraus nicht. Reproduzierbar via overnight_intraday_test.py (Gates) und overnight_intraday_export.py (diese Daten).
Strang geschlossen (2026-06-04). Nach Rolling/Bootstrap (deskriptiv robust bestĂ€tigt), Strukturbruch-Test (kein signifikanter Bruch) und dem verworfenen ES-Futures-Versuch (G0 FAIL) ist der Overnight-Effekt abschließend bewertet: reales Stylized Fact, aber kein handelbarer Edge — mit den verfĂŒgbaren Mitteln nicht weiter verfolgbar. Endstand YELLOW.